Bordeaux-Probe im Weingut Franz Keller am 17.11.2025
Es gehört zu den interessantesten Wein-Events in Deutschland: Die jährliche Bordeaux-Probe im Weingut Franz Keller. Bereits 1947 begann der Kaiserstühler Winzer und Weinhändler Franz Keller mit dem Weinimport aus Frankreich. Kurz nach dem 2. Weltkrieg war dies eine Pionierleistung für die - heute selbstverständliche - deutsch-französische Freundschaft. Franz Keller in Oberbergen ist in Deutschland sicher eine der besten Adressen, um Bordeaux-Weine zu verkosten.
Bei der Bordeaux-Probe 2025 stand eine Masterclass mit dem Top-Weingut Angelus aus St. Emilion auf dem (Rahmen-)Programm. Das Familienweingut Angelus wurde in der Ägide von Hubert de Boüard in die höchste Stufe nach der Klassifikation von St. Emilion geführt (1er Grand Cru Classe A). Heute leiten Stéphanie de Boüard-Rivoal und Thierry Grenié de Boüard den Betrieb. Die Weine zählen jedes Jahr zu den Kronjuwelen in St. Emilion. Die Masterclass wurde von Anna Tkachenko-Marie, der Export -Chefin Europa bei Angelus, glänzend moderiert. Die Teilnehmenden verkosteten in der Kellerwirtschaft sechs außergewöhnliche Bordeaux-Weine:
- 2023 Tempo
Der Tempo wird in der Nachbar-Appellation von St. Emilion, in Cotes de Castillon gewonnen. Im Jahrgang 2023 besteht der Basiswein zu 90% aus Merlot und 10% aus Cabernet Franc. Vom Tempo werden immerhin 240.000 Flaschen abgefüllt. Der Einstieg in die Angelus-Welt überzeugt durch intensive Frucht, eine präsente Säure und eine wunderbare Balance. Als „Alltagswein“ im Preissegment um die 20 Euro hat der Tempo bereits ein hervorragendes Niveau.
- 2019 und 2020 Carillon
Der Carillon, der Zweitwein von Angelus, spielt bereits in einer ganz anderen Liga. Dies bezieht sich auch auf den Preis im niedrigen dreistelligen Euro-Bereich. Der Carillon ist bei Angelus seit 1987 im Programm. Der Carillon besteht aus 90% Merlot und 10% Cabernet Franc.
Der 2020er Corillon überzeugt mit überragender Eleganz und Frische. Abwechselnde Aromen nach Minze, Trüffel, roten Beeren und reifen Kirschen. Wunderbare Balance.
Der 2019er Corillon bringt interessante Eukalyptus-Aromen. Herauszuheben sind die enorme Tiefe und Länge.
Ich persönlich sehe den Jahrgang 2020 aktuell etwas stärker. Viele Weingüter wären sicher froh, wenn sie die Qualität eines Corillon bei ihrem Top-Wein nur annähernd erreichen würden.
- 2014, 2015 und 2017 Chateau Angelus (Premier Grand Cru Classe A)
Das Highlight der Masterclass war die parallele Verkostung von drei Jahrgängen des Chateau Angelus (2017, 2015 und 2014). Der Angelus ist natürlich ein Hochamt für jeden Weinliebhaber. Die Preise je Flasche bewegen sich zwischen 400 und 500 Euro. Der Angelus setzt sich wie üblich in St. Emilion aus Merlot und Cabernet Franc zusammen. Bei den verkosteten Jahrgängen war ein relativ hoher Anteil an Cabernet Franc zwischen 20 und 50 % zu konstatieren.
Alle Jahrgänge verfügten über eine unheimliche Eleganz. Reiches und barockes Volumen, aber immer grandiose Finesse. Weiche Tannine und perfekte Säure. Salzige Mineralität und unendliche Länge. Schon die Nase ist sagenhaft komplex mit großem Aromen-Spektrum nach Minze, Pfeffer und dunkelroter Frucht. Am Gaumen wunderbare, seidige Textur, wieder dominierende Minz-Frische, Trüffel, satte Kirsche und reife Brombeeren. Beim 2014er kommen Noten nach Schokolade und Toffifee hinzu. Die Weine sind bereits zugänglich, haben aber natürlich noch eine große Zukunft.
Bei Angelus spielt der Cabernet Franc eine große Rolle. Die Rebsorte gibt den Weinen eine unglaubliche Eleganz und Tiefgründigkeit. Bereits der Basiswein Tempus hat große Klasse. Der Carillon bringt nochmals eine gewaltige Steigerung. Der Angelus ist ein einmaliges Weinerlebnis und im Bordeaux eine absolute Top-Adresse.
Nach dieser besonderen Verkostung ging es zur eigentlichen Bordeaux-Probe in die legendären Bergkeller des Weinguts. Dort gab es etwa 170 Weine zu probieren. Im Mittelpunkt standen die Bordeaux-Weine des fabelhaften Jahrgangs 2022. Gegliedert war die Verkostung nach den Appellationen des linken und rechten Ufers. Unter den zahlreichen Top-Weinen können an dieser Stelle nur die absoluten Highlights der Verkostung erwähnt werden:
- Chateau Figeac (St. Emilion)
- Chateau Angelus (St. Emilion)
- Chateau Canon la Gaffeliere (St. Emilion)
- Chateau La Fleur Petrus (Pomerol)
- Chateau Leoville Las Cases (St. Julien)
- Chateau Palmer (Margaux)
- Chateau Montrose (St. Estephe)
- Chateau Cos d´Estournel (St. Estephe)
- Chateau Pichon Comtesse de Lalande (Pauillac)
- Chateau Lafite Rothschild (Pauillac 1er Grand Cru Classe)
Das Publikum zeigte sich wie Junior-Chef Friedrich Keller begeistert von der Qualität des Jahrgangs 2022. Die Weine sind naturgemäß noch sehr jugendlich. Gerade die Bordeaux-Weine des rechten Ufers, bei denen der Merlot dominiert, waren bereits sehr zugänglich. Beim linken Ufer - mit Dominanz des Cabernet Sauvignon - ist noch eine mehrjährige Flaschenreife angesagt. Es steht aber außer Frage, dass 2022 einer der besten Jahrgänge der letzten Jahrzehnte sein wird.
Die Bordeaux-Präsentation bei Franz Keller war wieder ein Fest für Rotwein-Freunde. Großes Kompliment an das gesamte Keller-Team!
Bericht von Manfred Beismann (November 2025)