Die Ahr ist wieder da!

 

Nach der verheerenden Flutkatastrophe 2021 lag das Ahrtal am Boden. Die Apokalypse forderte 135 Tote, hinterließ 9.000 beschädigte Häuser und eine zerstörte Verkehrsinfrastruktur. Viele Weingüter hatten den Verlust von Betriebsgebäuden, Einrichtung und Weinbeständen zu beklagen. Immerhin liegen die meisten Rebanlagen an den Steilhängen, so dass nur ein kleiner Teil der Flächen direkt vom Hochwasser betroffen war. Gleichwohl waren die Ernten ab 2021 für die Winzer eine enorme logistische Herausforderung.   

 

Vier Jahre später mehren sich die positiven Nachrichten über den Wiederaufbau im Ahrtal. Im Dezember 2025 nahm die Ahrtalbahn nach umfangreichen Baumaßnahmen wieder ihren Betrieb auf. Dies ist die „Wine Train“ Deutschlands, mit der die wichtigen Weinorte an der Mittelahr verbunden sind.

 

Das VINUM-Magazin hat der Ahr Anfang 2026 eine Titelstory gewidmet. Dort werden anhand der Weingüter Meyer-Näkel, Bertram-Baltes, Sermann und Deutzerhof die Herausforderungen und Neuentwicklungen an der Ahr nachgezeichnet. In stilistischer Hinsicht beschreibt der Autor die Hinwendung von dichten, kräftigen Spät- und Frühburgundern hin zu eleganteren und fein strukturierten Pinots. Dabei bleibt der „Markenkern“ der Ahr, die Schiefer-Mineralik, unverändert.

 

Diese gute Entwicklung des Anbaugebiets bestätigt ein Besuch der Fachmesse Eurovino in Karlsruhe im März 2026. Dort bot der Ahrwein e. V. eine Masterclass „Ahr - Kulturweinbar“ mit sechs roten Burgundern an. Die verkosteten Weine überzeugten mit Frische, kühler Eleganz und moderatem Alkoholgehalt. Neben etablierten Betrieben waren aufstrebende Güter wie Bertram-Baltes, Oliver Schell und Sermann vertreten.

 

Auch bei einem Kurzurlaub im März 2026 an der Ahr überwiegen die positiven Eindrücke eindeutig. Natürlich sind entlang des Flusses noch zahlreiche Baustellen an Straßen und Gebäuden zu sehen. Nicht alle Hotels und Restaurants haben ihre Schäden beseitigt und ihren Betrieb wieder eröffnet. Aber an einem Sonntag herrscht am Marktplatz in Ahrweiler Hochbetrieb mit Tagestouristen. An den folgenden Werktagen findet man in der gehobenen Gastronomie ohne Reservierung am Abend nur schwer einen Platz.

 

Die wieder eröffnete Hotellerie und Gastronomie haben die Katastrophe als Chance genutzt und moderne Konzepte entwickelt. Zu den Protagonisten des Ahr-Revivals zählen das Restaurant Bahnsteig 1 in Mayschoß und das Weingut Sermann in Altenahr.

 

Ein innovativer Wine-Place ist das Restaurant Bahnsteig 1 in Mayschoß. Das bei der Flut stark beschädigte Gebäude wurde vom Betreiber Thorsten Rech stilvoll renoviert. Zum ausgezeichneten Essen ohne Sterne-Schnickschnack kommt ein breit gefächertes und hochwertiges Weinangebot. Die Weinkarte enthält Tropfen aller sieben VDP-Weingüter der Ahr. Auch VDP-Betriebe anderer Anbaugebiete sind im Bahnsteig 1 stark vertreten. Die Flaschen werden mit festem Preisaufschlag angeboten.  Außerhalb der normalen Weinkarte erhält man im Bahnsteig 1 GGs in beachtlicher Jahrgangstiefe. So wurde ein Essen mit einem Frühburgunder GG Recher Herrenberg vom Weingut Deutzerhof zum Festessen.

Unter den Winzern ist Lucas Serman in Altenahr der Shooting-Star der neuen Ahr. Der noch junge Winemaker ist nach der Flutkatastrophe fulminant durchgestartet. Im frisch aufgebauten Restaurant Thüres und der modernen Vinothek kann man die aktuelle Kollektion testen. Sermann verkörpert prototypisch den neuen Ahr-Stil. Die frischere und elegante Weinstilistik hat nach der Flut den Vorteil, dass die jungen Weine im High-End-Bereich früher zugänglich sind. Lucas Sermann hat schwer zu bewirtschaftende Rebflächen in extremen Steillagen mit altem Rebbestand angeschafft. Der Winzer hat sich in die Spitzengruppe der Ahr-Betriebe vorgearbeitet und muss sich vor VDP-Weingütern nicht verstecken.

 

Neben den Rotweinen hat das Weingut Sermann auch charakteristische Weißweine im Portfolio. So findet man bei Lucas Sermann Rieslinge mit Wiedererkennungswert und weiße Burgunder-Sorten. Bei den Spätburgundern hat bereits der Gutswein ein erstaunliches Level. Dies war in früheren Jahren selbst bei VDP-Weingütern der Ahr nicht immer der Fall. Die Qualitätspyramide führt im Weingut Sermann über die Ortsweine mit schönem Früh- und Spätburgunder zu den hochwertigen Lagenweinen. Die Spitzenweine bei Lucas Sermann haben zweifelsohne GG-Niveau. Lucas Sermann hat es geschafft, einen eigenen Stil mit frischen und eleganten Weinen zu entwickeln. Dabei bleibt die Ahr aber immer schmeckbar. Absolute Kaufempfehlungen gelten aktuell folgenden Weinen:

 

-        2022 Riesling von den Steinterrassen

-        2022 Frühburgunder Marienthal

-        2022 Spätburgunder Dernauer Schieferlay Ritter

-        2023 Spätburgunder Dernauer Pfarrwingert.

 

Der durch die Flut ausgelöste Modernisierungsschub in Hotellerie und Gastronomie wird für die Ahr in den kommenden Jahren zum Pluspunkt werden. In den nächsten Jahren wird der Qualitätstourismus in der Region sicher stark zulegen. Ein großes Pfund für Qualitätstourismus ist schon immer die spektakuläre Naturlandschaft an der Ahr. Die wichtigen Weinorte werden durch den Rotweinwanderweg verbunden. So gehören ein Besuch im Kloster Marienthal mit einem Flammkuchen und dem Top-Spätburgunder Abt zum Pflichtprogramm bei jedem Ahr-Aufenthalt.

 

Fazit: Die Ahr ist wieder da. In den nächsten Jahren werden die zarten Pflänzchen voll erblühen. 

 

Bericht von Manfred Beismann, April 2026