Winzerlegende Stephan Graf von Neipperg: Von Württemberg nach St. Emilion
Ein sonniger Herbstmorgen in St. Emilion. Im Bordelaise ist die Weinlese 2025 bereits abgeschlossen. Das Chateau Canon la Gaffeliere liegt friedlich im Morgenlicht. Nur einzelne Angestellte sind in der Lagerhalle emsig bei der Arbeit.
Das Chateau wird aktuell von Stephan Graf von Neipperg geleitet. Im Jahr 1971 kaufte sein Vater, Josef Hubert Graf und Herr von Neipperg, das Chateau Canon la Gaffelliere und weitere Weingüter im Bordelaise. Die uralte Adelsfamilie aus dem württembergischen Schwaigern kann auf eine über 800 Jahre alte Weinbautradition zurückblicken. In Württemberg bewirtschaften die Grafen von Neipperg ein 30 Hektar großes VDP-Weingut. Dem Geschlecht wird nachgesagt, den Lemberger von Österreich nach Deutschland gebracht zu haben.
Graf Josef Hubert fragte nach dem Erwerb das fünfte seiner acht Kinder, Stephan, ob er die Leitung der Weingüter im Bordelaise übernehmen wolle. Ein Grund war sicher, dass der 1957 geborene Junior in Frankreich Politikwissenschaft und Betriebswirtschaft studierte. Der junge Graf schloss danach ein Studium im Bereich Landwirtschaft und Weinbau an.
Zu Beginn hatten Graf Stephan und seine Frau Sigweis keinen leichten Start auf dem Chateau. Die Gebäude befanden sich 1983 in beklagenswertem Zustand. Die Rebanlagen waren - dem Zeitgeist nicht nur im Bordelaise entsprechend - durch den Einsatz von Kunstdünger, Insektiziden und Herbiziden in einem „toten“, ausgelaugten Zustand. Graf Neipperg hat schnell erkannt, dass Spitzenweine nur auf gesunden, lebendigen Böden erzeugt werden können. Die Rebanlagen wurden seither konsequent auf biologischen Weinbau umgestellt.
Graf Stephan von Neipperg konnte in den letzten Jahrzehnten einen weltweiten Vertrieb seiner Weine organisieren. Der Exportanteil liegt bei 90 Prozent. Der umtriebige Graf beschränkt sich mit seinen Weinaktivitäten nicht auf Frankreich. Der Winemaker ist inzwischen auch an Weingütern in Bulgarien und Südafrika beteiligt.
In 40 Jahren hat Graf Stephan seine sechs Weingüter in St. Emilion und Castillon-Cotes de Bordeaux in die Spitzengruppe im Bordelaise geführt. Die Top-Gewächse der Chateaus Canon la Gaffeliere und La Mondotte erreichen beständig Spitzenbewertungen. Eine bemerkenswerte Lebensleistung.
Im September 2025 empfängt uns in St. Emilion die reizende und fachkundige Emily zu einer exklusiven Weintour durch das Chateau Canon la Gaffeliere. Zunächst besichtigen wir die Weinberge. Danach werden die Produktionsräume und das imposante Holzfass-Lager inspiziert. Schließlich landen wir im geschmackvoll ausgestatteten Verkostungsraum, in dem neben dem offenen Kamin auch Kunstwerke von Gräfin Sigweis von Neipperg präsentiert werden. Die Gesamtanlage befindet sich in einem sehr gepflegten Zustand. Fast könnte man meinen, Graf Stephan hätte die schwäbische Kehrwoche mit ins Bordelaise gebracht.
Bei der Crus-Premium-Tour wurden Top-Weine von vier Neipperg-Weingütern aus dem Jahrgang 2016 probiert. Die Verkostung war ein besonderes Weinerlebnis, bei der die große Bandbreite der höherwertigen Neipperg-Weine erfahrbar war. Die Weine auf der rechten Seite der Garonne um St. Emilion sind vom Merlot geprägt. Weiteres wesentliches Element ist bei Graf Neipperg der elegante Cabernet Franc. Cabernet Sauvignon spielt eher eine untergeordnete Rolle.
- D`Aiguilhe
Zum Einstieg in die gehobene Neipperg-Welt genießen wir den Rotwein des von Graf Stephan 1998 gekauften Chateau d'Aiguilhe. Der Betrieb liegt in der Appellation Castillon-Côtes de Bordeaux, die wenige Kilometer von St. Emilion entfernt liegt. Das Chateau stammt aus dem 13. Jahrhundert. Heute umfasst das Anwesen 140 Hektar, von denen 90 Hektar für den Weinbau genutzt werden.
Der 2016er D`Aiguilhe hat eine feine Nase mit dunkler Frucht. Das Tannin ist weich. Am Gaumen folgen eine feine Balance und eine präsente Säure. Wieder dunkelrote Beerenfrüchte und lebendige Frische. Ein harmonischer und ausgewogener Wein, der eine schöne Trinkreife erlangt hat.
- Clos de L`Oratoire
Die rund 13 Hektar Rebflächen des Clos de L'Oratoire befinden sich auf einer Anhöhe nordöstlich von St. Emilion. Das Terroir besteht aus einer sandigen Unterschicht und tonhaltigem Unterboden.
Die Nase des 2016er Clos de L`Oratoire wird durch rote Beeren bestimmt. Im Mund folgt ein schmeckbarer Holzeinsatz und eine feine rote Frucht. Pikante Würze, seidige Eleganz und spürbare Mineralität. Ein zarter, moderner Wein.
- Canon la Gaffeliere
Das Chateau Canon la Gaffeliere liegt am Hangfuß von St. Emilion in der Nähe des Bahnhofs. Die Böden bestehen aus Ton-Kalk- und Ton-Sand-Böden. Der Wein ist in der Klassifikation von St. Emilion als Premier Grand Cru Classe ausgewiesen.
Der Wein spielt in einer anderen Liga. In der Nase komplexe Aromen nach frischer Minze und Veilchen. Am Gaumen dichte Harmonie, Noten nach Brombeere und Himbeere. Satte Tiefe, vielschichtig, komplex, aber immer elegant. Tänzelnde Frische und geschliffene Tannine. Gewaltige Länge. Ein prototypischer Wein, der die Feinheit der St. Emilion-Weine auf der Basis von Merlot und Cabernet Franc zeigt.
- La Mondotte
La Mondotte befindet sich auf dem Ton-Kalk-Plateau östlich von St. Emilion. Die seit 2014 bio-zertifizierte Rebfläche beträgt 4,5 Hektar. Der La Mondotte ist gleichfalls als Premier Grand Cru Classe klassifiziert. Robert Parker hatte den La Mondotte 2009 mit 100 Punkten bewertet.
Der 2016er La Mondotte hat eine intensive Nase mit komplexen Aromen nach Veilchen und Kirschen. Dem Cabernet Franc sei Dank. Am Gaumen bleibt der Wein bei aller Dichte fein und verspielt. Große Harmonie, weicher Säurenerv und seidige Eleganz vom Merlot. Aromen nach reifer Kirsche und frischer Minze vom Cabernet Franc. Kraftvolle Konzentration, lebendige Säure und gewaltige Länge.
Graf Stephan hat in den letzten 40 Jahren im Bordelaise eine herausragende Aufbauarbeit geleistet. Er gilt heute als Vorreiter für nachhaltigen Weinbau im Bordelaise. Hier wurde wieder der alte Wahlspruch des Hauses Neipperg in die Tat umgesetzt: „Virtus sudore paratur!“, übersetzt: „Tugend wird durch Schweiß errungen!“
Der 2020 im gesegneten Alter von 102 Jahren verstorbene Vater von Graf Stephan, Josef Hubert Graf und Herr von Neipperg, hat in einem Interview auf die Frage, ob er mit der Tätigkeit seines Sohnes Stephan im Bordelaise zufrieden sei, geantwortet: „Geht so!“. Diese auf den ersten Blick verblüffende Bewertung können nur schwäbische Landeskinder richtig einordnen. Bei Schwaben gilt der Grundsatz: „Net gschumpfa, isch gnug globt!“ (Hochdeutsch: Nicht schimpfen, ist genug des Lobes!). Nach diesem Maßstab ist die Bewertung des Seniors „Geht so!“ nicht zu toppen.
Die gute Nachricht für Freunde der Neipperg-Weine ist, dass der Sohn von Graf Stephan, Ludovic, nach einer exzellenten Ausbildung 2021 in den Betrieb eingestiegen ist. So ist davon auszugehen, dass das Neipperg-Wappen noch viele Jahre auf Weinflaschen prangen wird. Die Geschichte der Neippergs geht weiter.
Degustationsbeschreibung von Manfred Beismann, November 2025