Weingut Friedrich Becker, Schweigen (Pfalz)****(*)

 

Friedrich Becker hat letzte Woche die Weinlese 2018 in seinem 30 Hektar großen Betrieb abgeschlossen und will in zwei Stunden in den Urlaub fahren. So hält sich seine Lust, zuvor noch eine Weinprobe zu moderieren, zunächst in engen Grenzen. Doch als er im Laufe der Probe die Begeisterung seiner Besucher sieht, kommt der 70-jährige Starwinzer langsam in Fahrt.

Wir befinden uns in Schweigen in der Südpfalz, das überregional durch das Deutsche Weintor bekannt ist. Weinkenner verbinden den direkt an der deutsch-französischen Grenze gelegenen Ort besonders mit einem Namen: Friedrich Becker. In den 45 Jahren nach seinem Austritt aus der örtlichen Genossenschaft hat der “alte Fritz“ ein international anerkanntes

Weingut geschaffen. Dies führt das Pfälzer Urgestein heute mit seinem Sohn, dem „kleinen Fritz“. 75 % der Weinberge des Gutes liegen auf französischem Staatsgebiet. Die Hälfte der Weine geht in den Export. Vor allem seinen Spätburgundern, die Seriensieger im Gault Millau waren, gilt die ganze Leidenschaft des kantigen Pinot-Fanatikers. Doch vor den Spätburgundern widmen wir uns zunächst den nicht zu unterschätzenden Weißweinen:

 

-Silvaner, Riesling

 

Bereits der Einstieg mit dem Liter-Silvaner zeigt, dass es bei Friedrich Becker nur gute Weine gibt. „Wir beschränken uns im Betrieb weitgehend auf die klassischen Rebsorten, kein Mensch braucht in der Pfalz Sauvignon Blanc“, poltert Friedrich Becker in seiner unnachahmlichen Art. Und in der Tat ist der 2016er Silvaner ein saftiger, knackiger Wein für den täglichen Genuss. Zum 45jährigen Jubiläum gibt es anschließend einen „furztrockenen“ Riesling „sellemols anno 1973“, der nach alter Methode

hergestellt wurde. Der im Holzfass gelagerte Riesling zeigt geradlinige Säure und herzhaften Zug.

 

-Weiße Burgunder-Weine

 

Das Weingut Friedrich Becker hat in den letzten Jahren bei seinen weißen Burgundern deutlich zugelegt. Wir starten mit dem 2017er Grauburgunder Gutswein. Der Pinot wird aus jungen Reben gewonnen und reift zu 50 % im Holzfass. Dies gibt dem Grauburgunder eine elegante Cremigkeit, ohne fett zu wirken. Die Mineralität und eine schöne Säure machen den Grauburgunder zu einem idealen Essensbegleiter. Der folgende 2017er Weißburgunder „Kalkgestein“ wurde in kleinen Barrique-Fässern ausgebaut. Dadurch gewinnt der Burgunder einen zarten Schmelz. Der Wein ist dicht gewoben und verfügt über großes

Reifepotenzial. „Bei den weißen Burgundersorten sehe ich beim Chardonnay das größte Potenzial“, begleitet Friedrich Becker seine beiden Spitzenprodukte im weißen Segment. Beim teilweise im Barrique ausgebauten 2017er Chardonnay „Schweigen“

steht noch das Holz im Vordergrund, das sich bei weiterer Flaschenreife perfekt integrieren dürfte. Der aus alten Reben gewonnene Chardonnay zeigt aber bereits jetzt feine Eleganz. Absolutes Highlight bei den Weißweinen ist der Chardonnay

„Mineral“ aus 2015. In der Nase Brioche- und Birnen-Aromen. Am Gaumen runde Harmonie mit Anklängen von weißen Blüten und Flieder. Die ausgeprägte Mineralität verleiht dem Chardonnay einen unheimlichen Zug. Dies verhindert dabei die bei vielen Chardonnays störenden Fettpolster und auswechselbare Tutti-Frutti-Fruchtigkeit. Die stark ertragsreduzierte Selektion aus den Top-Lagen mit Kalkfels, ein langes Hefelager und der Ausbau im Barrique ergeben einen finessenreichen, hoch eleganten Burgunder. Der „Mineral“ spielt in der internationalen Spitze mit.

 

-Spätburgunder

 

Seit der Betriebsgründung eifert Friedrich Becker seinem großen Vorbild Burgund nach. Maßstab für Friedrich Becker sind die Pinots von Romanée Conti. „Man muss diese Weine auch mal selbst getrunken haben, um zu wissen, welches Ziel man hat“, schwärmt der Pfälzer. Und die zahlreichen leeren Flaschen, die als Deko das Weingut zieren, zeigen, dass Friedrich Becker die

französischen Spitzenprodukte ausgiebig probiert hat. Probiert haben diese Weine sicher auch andere Winzer in Deutschland, aber kaum einer ist wie Friedrich Becker in der Lage, dieses Niveau auch zu erreichen. Die Pfälzer Pinot-Ikone ist überzeugt, dass sich die Böden und die klimatischen Voraussetzungen in Schweigen auf Augenhöhe mit dem Burgund befinden.

 

Gutswein, Ortswein

 

Schon der im großen Fass gereifte Spätburgunder Gutswein aus 2014 hat eine schöne Nase, zeigt Tiefe und Kraft.

Einen immensen Qualitätssprung bringen die Ortsweine Schweigen und Rechtenbach. Der 2014er Schweigener Pinot ist auf tiefgründigen Kalksteinböden gewachsen, die dem Wein einen femininen Charakter verleihen. Mittleres Rubinrot. In der Nase dunkle Kirscharomen mit Würze und etwas Vanille. Im Mund seidige Eleganz. In Rechtenbach wachsen die Reben auf Kalkstein mit lehmig-tonigen Böden. Dies verleiht dem Burgunder einen kräftigen, eher maskulinen Charakter. Dunkles Rubinrot. In der Nase zeigt der 2014er rauchigen Duft von dunklen Beeren. Am Gaumen liefert der muskulöse Burgunder kräftige, noch jugendliche Tannine. Ein Wein mit großartigem Preis-/Genussverhältnis.

 

Erste Lagen

 

Langsam nähern wir uns dem Spitzensegment der Burgunder-Linie. Die hochwertigen Spätburgunder reifen im Weingut Becker regelmäßig in Barrique-Fässern und werden meist unfiltriert abgefüllt.

 

Steinwingert

 

Dichtes, klares Rubinrot. In der Nase zeigt der 2014er Spätburgunder Kirsche, Himbeere, Tabak und Schwarztee. Am Gaumen dicht und kraftvoll. Der gut strukturierte Pinot ist elegant und saftig mit sehr guter Länge.

 

Herrenwingert

 

Der 2014er leuchtet in transparentem Kirschrot. In der Nase Duft von Erdbeere, Kirsche, etwas Himbeere und Tabak. Feine Kräuter und Holztöne. Am Gaumen wuchtige Dichte, zupackend mit warmer, schmeichelnder Art. Lagerpotential für viele Jahre.

 

Große Lagen

 

Ab jetzt heißt es Genuss pur. Die folgenden Weine gehören zu den absoluten Spitzen-Spätburgundern in Deutschland. Sie zeigen, dass Friedrich Becker zu Recht seit vielen Jahren an der Spitze der deutschen Rotwein-Erzeuger mitmischt.

 

Sankt Paul

 

Der Sankt Paul funkelt in mittlerem Rubinrot. In der Nase Wacholder, Waldbeeren, Tabak und etwas Pfeffer.

Am Gaumen zeigt der Pinot aus 2014 Dichte mit kräftiger Substanz und jugendlichem Tannin. Aromen nach Kirsche, Graphit und etwas Veilchen. Saftig mit sehr guter Länge und bester Struktur. Großes Lagerpotential.

 

Kammerberg

 

Eine weitere Steigerung bringt der Kammerberg aus 2013. Die Rotweine aus 2013 haben sich dank ihrer hohen Säurewerte hervorragend entwickelt. Sattes, kräftiges Rubinrot. In der Nase Duft von dunklen Beeren, Tabak und Wald. Am Gaumen dicht mit Biss. Unglaubliche Dichte und trotzdem wohltuende Frische. Bei all seiner Kraft zeigt der Kammerberg zeitlose Eleganz,

unheimliche Komplexität und grandiose Finesse. Saftig mit extremem Nachhall. Ein Wein für die Ewigkeit.

 

Heydenreich

 

Und Friedrich Becker lässt uns noch seinen Heydenreich aus 2014 probieren. Ein Wein für schlappe 135 Euro, aber jeden Cent wert. Ein wahrhaft großer Pinot Noir. Feine Kirsch-Frucht in der Nase. Am Gaumen wahnsinnige Komplexität und Mineralität. Daneben Kirsch- und Johannisbeeren-Aromen. Trotz seiner Tiefe wirkt der Burgunder ausgesprochen fein und strahlt elegante Erhabenheit aus. Unendliche Länge. Eigentlich ist es kaum möglich: Aber der Heydenreich kann den Kammerberg noch toppen.

In einigen Weinführern wird in den letzten Jahren die Stiländerung bei den Spätburgundern von Friedrich Becker diskutiert. Die höhere Rappen-Anteile lassen die Weine in der Jugend verschlossen erscheinen. Die Entwicklung der Spätburgunder ist dadurch in jungen Jahren schwer abzuschätzen. Wenn man die Weine nach vier oder fünf Jahren probiert, sind sie zwar immer

noch jugendlich und von Tanninen geprägt. Sie offenbaren aber schon ihre wahre Größe und ein Riesenpotenzial. Ohne Zweifel steht Friedrich Becker mit dem badischen Weingut Bernhard Huber weiterhin an der Spitze der Spätburgunder-Güter in

Deutschland. Nach diesem Hochamt für Spätburgunder-Fans gönnen wir aber Friedrich Becker Senior seinen wohl verdienten Urlaub. Auch wenn das Pfälzer Pinot-Monument dadurch die Verleihung des Deutschen Rotweinpreises in Fellbach

verpasst. Selten dürfte VINUM seinen Preis für den „Roten Riesen“ an einen würdigeren Winzer als 2018 vergeben haben: 

An Friedrich Becker.

 

Kontaktdaten

Weingut Friedrich Becker

Hauptstraße 29

76889 Schweigen

Tel.: 06342/200

Mail: wein@friedrichbecker.de

Internet: www.friedrichbecker.de

 

Weingutportrait von Manfred Beismann, November 2018