Weingut Pawis, Zscheiplitz (Saale-Unstrut)

Winzerlegende Bernard Pawis: Das Zugpferd der Saale-Unstrut-Region

****

„Sie bekommen heute eine besondere Betreuung“, kündigt der junge Markus Pawis der Besuchergruppe aus Baden den Moderator der geplanten Weinprobe an. Plötzlich taucht ein zierlicher Mann auf, dessen Frisur entfernt an Günter Netzer erinnert. Trotz seiner 62 Jahre wirkt der Senior-Chef des Weinguts, Bernard Pawis, jugendlich und quirlig. Der VDP-Winzer begrüßt die Besuchergruppe mit einem Sekt. Danach folgt zu einer exzellenten Vesper ein Querschnitt des reichhaltigen Wein-Sortiments. Parallel zur Verkostung erzählt Bernard Pawis seine Geschichte und die seines Weinguts. So wird die Weinprobe zu einem Stück deutscher Zeitgeschichte und der Geschichte des Weinbaus an Saale-Unstrut:

 

Die Eltern des 1964 geborenen Bernard Pawis bewirtschafteten zu DDR-Zeiten einen 1.440 qm großen Weinberg und füllten – wohl nicht ganz regelkonform – einige Flaschen Wein ab. Das Ehepaar gründete 1990 ein kleines Weingut mit 0,5 Hektar. Sie begannen mit 5.000 Flaschen und betrieben eine Straußwirtschaft. Mutter Irene versorgte die Gäste mit Leckereien, bis sie 1998 sehr früh an einem Krebsleiden verstarb, wie Bernard Pawis mit stockender Stimme erzählt.

 

Sohn Bernard absolvierte eine Winzerausbildung im damals volkseigenen Weingut Schloss Wackerbarth und studierte anschließend Ackerbau. Danach arbeitete der Jüngling im Weinhandel. Bernard Pawis entschloss sich 1998, das elterliche Weingut zu übernehmen und investierte in Freyburg in einen Betriebs-Neubau. Und die Weine von Bernard Pawis hatten sofort Erfolg. Mit Stolz erzählt der Winzer wie er bei der Preisverleihung eines Weinwettbewerbs plötzlich neben Rheingau-Starwinzer Robert Weil stand. Bereits 2001 wurde das Weingut Pawis in den Eliteverband VDP aufgenommen. Dies war der Ritterschlag für den jungen Betrieb. Seither ist das Weingut Pawis ohne Zweifel die bundesweit bekannteste Adresse des Anbaugebiets Saale-Unstrut.

 

Die Nachfrage nach Pawis-Wein war von Beginn an enorm. So wurde schon nach wenigen Jahren eine Betriebserweiterung nötig. Nachdem Bernard Pawis angebotene Grundstücke in einem Gewerbegebiet abgelehnt hatte, ergab sich 2007 eine einmalige Chance. Der Winzer konnte Wirtschaftsgebäude im historischen Gutshof Zscheiplitz übernehmen. Die Geschichte des Klosters Zscheiplitz lässt sich bis ins 11. Jahrhundert zurückverfolgen. Die Anlage war damals jedoch in einem jämmerlichen Zustand. Das Objekt war teilweise als Steinbruch genutzt worden. Viele Tonnen Schutt mussten beseitigt werden. Umweltbelastungen kamen hinzu. Bernard Pawis musste viel Überzeugungsarbeit leisten, um seine Frau, die Mitarbeiter und die Banken für das Bauvorhaben zu erwärmen. Seine Frau überzeugte Bernard Pawis bei einigen Gläschen Riesling, ihrer Lieblingsrebsorte.

 

Bernard Pawis ist ein Mann der Tat. Der Macher hat offensichtlich einen natürlichen Optimismus, unbändigen Tatendrang und hohe Risikobereitschaft in die Wiege gelegt bekommen. Mit Fleiß und etwas Unbekümmertheit machte sich der Allround-Handwerker ans Werk. Im Jahr 2015 übernahm der Winzer weitere Gebäude des Gutshofs und sanierte das Brunnenhaus für touristische und gastronomische Zwecke. Die Rebfläche des Betriebs wurde kontinuierlich erweitert. Aktuell bewirtschaftet das Weingut Pawis eine Fläche von über 16 Hektar.

 

Bernard Pawis hat einen entscheidenden Anteil daran, dass das frühere Klosterareal Zscheiplitz heute wieder ein mit Leben erfülltes Kleinod ist. Der Gutshof und die Klosterkirche, die vor der Wende noch dem Verfall preisgegeben waren, sind heute wieder ein touristischer Anziehungspunkt. Wanderer, Radfahrer, Kulturinteressierte und Weinliebhaber pilgern in Scharen nach Zscheiplitz. 

 

Bernard Pawis verzichtete auf einen luxuriösen Lebensstil und steckte die erwirtschafteten Finanzmittel in sein Weingut. Nach Jahrzehnten des Aufbaus wollten sich die Eheleute Pawis in Zukunft etwas gönnen und mehr reisen. Die beiden Söhne haben große Talente im künstlerischen und naturwissenschaftlichen Bereich. Bernard Pawis überlegte, das Weingut zu verkaufen, falls die Söhne einen anderen Berufsweg einschlagen würden. Doch dann entschloss sich sein Sohn Christian, in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Nach dem Weinbaustudium an der Hochschule Geisenheim übernahm der Junior zunehmend Leitungsaufgaben im Weingut. Bernard Pawis freut sich, dass sein Lebenswerk fortgeführt wird.

 

Wenn man den agilen Senior bei der Weinprobe erlebt, kann man sich aber kaum vorstellen, dass der „Unruheständler“ in den nächsten Jahren die Hände vollkommen in den Schoß legen wird. Bei einer Kellerbesichtigung verschwindet Bernard Pawis blitzschnell in einem Stahltank, um genauso plötzlich wieder herauszuspringen. Mit leuchtenden Augen erklärt er den Besuchern die hochwertige Technikausstattung seines Betriebs. Er wirkt dabei wie ein kleiner Junge, der Freunden seine Spielzeugeisenbahn zeigt.

 

Während Bernard Pawis die Betriebsgeschichte erzählt, probieren wir die aktuelle Weinkollektion. Die Böden im Weingut sind überwiegend vom Muschelkalk geprägt, es gibt aber auch Buntsandstein. Top-Lagen sind der Freyburger Edelacker (Große Lage), der Freyburger Mühlberg, das Zscheiplitzer Himmelreich und das Naumburger Sonneck.

 

-        Sekt, Silvaner, Bachus, Müller-Thurgau

Wie viele Saale-Unstrut-Betriebe hat das Weingut Pawis zahlreiche Rebsorten im Angebot. Zum Auftakt probieren wir den trockenen Riesling-Sekt aus 2023 mit intensiver Frucht und feiner Perlage. Es folgen die Gutsweine Silvaner, Bachus und Müller-Thurgau. Der Müller-Thurgau hat zwar auch im Anbaugebiet Saale-Unstrut an Bedeutung verloren. Der 2025er Müller-Thurgau des Weinguts Pawis beweist aber mit seinen Aromen nach exotischen Früchten und Muskat, dass die Rebsorte weiterhin ihre Berechtigung hat.

 

-        Weißburgunder 

Vier Weißburgunder unterstreichen die Bedeutung der Rebsorte im Weingut Pawis. Der kippfreudige 2025er Gutswein mit 8 Prozent Restzucker ist ein guter Einstieg. Der Freyburger Ortswein Reserve aus 2024 bringt einen erheblichen Qualitätssprung. Mehr Konzentration und Spannung. Dazu kommen feine Aromen nach Birne und milder Vanille. Etwa in der gleichen Liga spielt der 2025er Zscheiplitzer Himmelreich. Der warme Jahrgang bringt harmonische Nussaromen und eine Fruchtfülle nach Quitte und Aprikosen voll zur Geltung. An der Spitze folgt der 2024er Weißburgunder aus dem Edelacker. Das Große Gewächs brilliert mit Noten nach Ananas, Birne und Mango.

 

-        Riesling

Paraderebsorte im Weingut Pawis ist der Riesling. Entlang der VDP-Qualitätspyramide sind fünf Rieslinge im Angebot. Zu Beginn verkosten wir die 2025er Guts-Rieslinge aus dem Muschelkalk und dem Buntsandstein. Aktuell hat dabei der Buntsandstein mit seiner würzigen Mineralität und den komplexen Fruchtaromen die Nase vorn.

 

Mein Lieblingswein im Weingut Pawis ist der Riesling R 736. Der Name kommt von den 736 Stufen, die man in der Freyburger Steillage von unten nach oben zu bewältigen hat. Pfeilgerade Struktur, mineralisches Rückgrat und komplexe Apfel- und Aprikosennoten zeichnen den Riesling aus.

 

Der folgende Riesling „Zauberlehrling“ wurde von Jungwinzer Christian Pawis spontan vergoren. Der im Naumburger Sonneck (1. Lage) gewonnene 2024er Riesling trumpft mit Kräutrigkeit, Aromen-Fülle und Frische.

Auch beim 2024er Riesling beweist das Große Gewächs die Sonderstellung der Lage Edelacker im Anbaugebiet. Schöne Würze und salzige Mineralität, gepaart mit komplexen Aromen nach Limonen und Mandarinen.

 

-        Spätburgunder

An Saale-Unstrut wird auch Rotwein produziert. Der 2023er Spätburgunder Reserve mit feinen Kirsch-Aromen komplettiert das Angebot.   

 

Das Weingut Pawis kann aktuell wieder eine ausgezeichnete Kollektion auf hohem Niveau präsentieren. Der Schwerpunkt liegt eindeutig im Weißwein-Segment. Beim Vergleich der Weißburgunder und Rieslinge sind die Rieslinge im Vorteil.

 

Winzer-Legende Bernard Pawis hat in den letzten 30 Jahren mit harter Arbeit etwas geschafft, das nur wenigen Winzern vergönnt ist. Der Winzer hat nicht nur das junge Weingut in kürzester Zeit an die Spitze des Anbaugebiets geführt. Die Rebanlagen des Weinguts Pawis prägen die Kulturlandschaft von Saale-Unstrut. Die Terrassen mit den Weinbergs-Häuschen sind die Postkartenansicht des Anbaugebiets. Bernard Pawis hat mit dem Klostergut Zscheiplitz ein historisches Gebäudeensemble zu neuem Leben erweckt. Damit ist Bernard Pawis, Star-Winzer, Landschaftspfleger und Denkmalschützer in Personalunion. Bernard Pawis ist somit das Zugpferd für das gesamte Anbaugebiet Saale-Unstrut.

 

Das Vorbild von Bernard Pawis trägt Früchte in der Region. Inzwischen sind nicht nur die Weingüter Hey sowie Böhme und Töchter in den VDP-Regionalverband aufgenommen worden. In Saale-Unstrut wurden zahlreiche neue Weingüter gegründet. Qualitätsorientierte Betriebe haben sich in der ambitionierten Winzergruppe Breitengrad 51 zusammengeschlossen. So ist Saale-Unstrut heute nicht nur eine Region für Kultur-Interessierte und Naturliebhaber. Auch als Weinregion hat Saale-Unstrut inzwischen einen guten Namen. Die Nachfrage von Privatkunden vor allem aus den nahe gelegenen Ballungsräumen Leipzig, Halle und Erfurt ist trotz Weinkrise hoch.

 

Der Aufstieg des Anbaugebiets Saale-Unstrut ist untrennbar mit dem Namen Bernard Pawis verbunden. Mit der Fortführung des Weinguts durch seinen Sohn Christian sind die Weichen gestellt, dass sich diese Erfolgs-Story in den nächsten Jahren fortsetzen wird.  

 

Kontaktdaten

Weingut Pawis

Auf dem Gut 2

06632 Zscheiplitz

Tel.: 034464/28315 

Mail: [email protected]

Internet: www.weingut-pawis.de 

 

Weingutportrait von Manfred Beismann, Mai 2026